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RETURN TO SENDER - LETTERS FROM TENTLAND - Video-Bühnenbild für Tanz Performance - 2006 > >>VIDEO

Der Siegeszug der Zelte aus dem ersten Teil LETTERS FROM TENTLAND ging ein Jahr lang um die Welt und nach 43 Vorstellungen in 17 Ländern ändert sich die Perspektive des Stücks. Nachdem die Iranische Regierung, die von den innerhalb des Stückes übermittelten Kritiken erfahren hatte, befahl den Tänzerinnen, zurückzukommen. Nun werden die iranischen "Letters from Tentland" von Exil-Iranerinnen überschrieben, beantwortet und "Return to Sender" geschickt.

Die Körper der Performerinnen verschwinden in den Zelten, aber man fühlt, wie sie im Inneren vibrieren. In "Letters from Tentland" durchdringen sechs iranische Schauspielerinnen das Publikum mit ihrer Wut, mit ihren Wünschen und ihren Träumen, aber auch mit ihrem Aufruf für Toleranz und kulturelle Unterschiede; in "Return to Sender" gelingt sechs Exil-Iranerinnen ein leidenschaftliches Plädoyer für die Freiheit. In diesem Antwort-Stück dreht sich der Tanz um vermeintliche Freiräume des Exils. Die Exil-Iranerinnen performen in den Zelten, die ihre Kolleginnen aus Teheran zurückgelassen haben, mit denen sowohl die einen als auch die anderen ihre Sehnsüchte verhüllen. Für Exilanten ist das Zelt ein Zeichen ihres unsteten Lebens und auch ein Stück Heimat, das sie nie loswerden. Sie tänzeln auf dem Grat der zwei Kulturen, und stossen sich an beiden Seiten heftig. So wirbeln die Zelte umher wie ein aus zwei Richtungen wehender Wind, falten und entfalten sich, um aufzureißen wie Umschläge, aus denen Briefe aus dem Exil fallen. Eingesperrte Botschaften in Bewegung, die von Heimat als Puzzle aus Erinnerungen, von drohender Abschiebung, vom Dazwischen- und vom Anderssein berichten.

Genauso wie der erste Teil besteht RETURN TO SENDER aus einer Sequenz von Tanzchoreographien und Monologen in einem audiovisuellen Rahmen aus Videoprojektionen und Musik auf einer Bühne, die zugleich Aktionsraum und Bildfläche und sich schließlich, am Ende des Stücks, wenn nur die Zuschauerinnen zum Gespräch mit den Künstlerinnen hinter die Kulissen gebeten werden, in einen Kommunikationsraum zwischen Akteurinnen und Publikum öffnet.

Dieses Wechselspiel von Choreographien und Monologen bildet den Grundrythmus. Neben der Musik spielen die Videoprojektionen von Karina Smigla-Bobinski eine tragende Rolle. Überwiegend kontrapunktisch gesetzt, erscheinen stehende Bilder als Kulisse für bewegte Choreographien und filmische bzw. animierte Sequenzen auf dem geschlossenen Vorhang oder auf statischen Bühnensituationen. Wechseln sich Bewegung und Sprache auf der Bühne ab, so setzt sich auch das Repertoire der Projektionen aus Bildern und Text zusammen. Die Projektionen fungieren als Rahmen, indem sie einen topographisch-kulturellen Hintergrund aufbauen: Sie holen mit den Bildern der Zelte, mit den Fotos der Familienmitglieder der Tänzerinen, mit den Briefen der Regieseurin an die Tänzerinen aus LETTERS FROM TENTLAND, mit dem Stadtpanorama von Teheran und genauso wie mit den laufenden Farsi-Schriftzeilen die iranische Welt auf die Bühne. Dies ist eine konkrete Verortung des Bühnengeschehens. Ein Element jedoch durchbricht den Rahmen: Die Sequenz, der nur in ihrer weißen Silhouette sichtbaren unverschleierten Tänzerin ist imaginär. Sie zeigt schemenhaft das, was nicht sein darf, und holt damit flüchtig und immateriell das während des gesamten Bühnenstücks in elaborierter Symbolsprache Verschlüsselte unmittelbar ins Bild.



ANGST IM GEPÄCK von Sandra Luzina

Die Zelte sind noch dieselben, made in Iran. Doch die Bewohnerinnen sind jetzt andere – mit anderen Geschichten. „Letters from Tentland“, im Januar 2005 in Teheran uraufgeführt, war nicht nur ein Politikum, sondern in erster Linie ein exzeptionelles Theaterereignis. 43 Vorstellungen in 17 Ländern – ihr Zelt haben die sechs Iranerinnen in der ganzen Welt aufgeschlagen. Anfragen gab es noch viele, doch nach dem Regierungswechsel wurde es für die Darstellerinnen schwierig auszureisen. (...)
Sechs Exil-Iranerinnen, sie alle leben in Berlin, bewohnen nun die Zelte. Und das ist erst einmal eine Provokation. Denn die meisten der jungen Darstellerinnen (einige kamen bereits als Kind mit ihren Eltern nach Deutschland, eine hat den Status einer politisch Verfolgten) haben nie den Tschador getragen, und sie sprechen deutsch so gut wie Farsi. Sie haben – so meint man – die Segnungen westlicher Freiheit erfahren und können es sich leisten, zum anschließenden Gespräch nur die Männer hinter den Vorhang zu bitten. (Bei den Iranerinnen hieß es noch: Ladys only!) Diese selbstbewussten, attraktiven Frauen steckt Waldmann in ein enges Gehäuse, das sie bis zum Schluss nicht verlassen dürfen. Die Rechnung geht auf: In „Letters from Tentland“ war das Zelt vor allem eine Metapher für den Tschador; es lockte die verborgene Welt hinter dem Schleier. Hier nun versinnbildlicht es die nomadische Existenz, das innere Unbehaustsein. Und es spielt an auf das Unsichtbar-Sein vieler ausländischer Frauen. Die fremde Haut, die sie für viele zu anderen macht. Und das Zelt verweist auch auf das Erinnerungsgepäck, das Migranten mit sich herumschleppen.

Zu Beginn schlüpfen die sechs farbigen Zelte aus einem schwarzen Mutterzelt. Sie müssen sich durch einen schmalen Spalt pressen, sich mühsam aufrichten und auseinander falten. Eins bleibt liegen, wie ein Flunder robbt es über den Boden, während die anderen sich schwankend auf den Weg machen.

„Wo kommst Du her? Wer bist Du? Wo ist Dein Zuhause? Gehst Du wieder zurück?“ Vier Fragen wie Ohrfeigen.
(...) „Return to sender“ ist kein Stück über den Iran, es ist vor allem ein Stück über das Exil – und über die Angst.
Das großartige Schlussbild zeigt die Enthüllung. Eine Utopie, vielleicht, auf jeden Fall eine schmerzliche Häutung. In einem wilden Tanz werfen die Frauen ihre Stoffhülle ab. Und man begreift, wie schwierig es ist, sich aus diesen Zelten zu befreien, aus dieser Schutzhaut, diesem Versteck.

© Sandra Luzina, Der Tagesspiegel August 12, 2006

RETURN TO SENDER - LETTERS FROM TENTLAND

Premiere June 25 > Festival Montpellier Danse 2006

Von und mit > Sanam Afrashteh, Javeh Asefdjah, Salome Dastmalchi, Taies Farzan, Niloufar Shahisavandi, Pujeh Taghdisi

Choreografie and Regie > Helena Waldmann

Dramaturgy > Susanne Vincenz

Lichtdesign > Herbert Cybulska

Videobühnenbild > Karina Smigla-Bobinski

Musik > Mohammad Reza Mortazavi Parissa & Ensemble Dastan Alexei Aigi & Ensemble 4-33 Hamid Saedi & Reza Mojhadas Raz Mesinai, Muslimgauze, Axiom of Joyce




Eine Produktion von Festival Montpellier Danse 2006, Theater im Pfalzbau Ludwigshafen (D),

Mit freundlicher Unterstützung von Hauptstadtkulturfonds, in collaboration with the Goethe-Institut

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> Return to Sender - Letters from Tentland
> Helena Waldmann














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