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LETTERS FROM TENTLAND - Video-Bühnenbild für Performance - 2005 > >>VIDEO

"Letters from Tentland" ist eine Theaterproduktion (Konzept und Regie: Helena Waldmann, Videoprojektion: Karina Smigla-Bobinski und Anna Saup, Musikalische Leitung: John H. Schiessler) und zugleich ein interkultureller Prozess. Nach der Konzeptions- und Entwicklungsphase in Deutschland im Herbst 2004 kam es zu zwei öffentlichen Aufführungen in Teheran im Rahmen eines großen Theaterfestivals im Januar 2005. Die Bühnenperformance besteht aus einer Sequenz von Tanzchoreographien und Monologen in einem audiovisuellen Rahmen aus Videoprojektionen und Musik auf einer Bühne, die zugleich Aktionsraum und Bildfläche ist und sich schließlich, am Ende des Stücks, wenn nur die Zuschauerinnen zum Gespräch mit den Künstlerinnen hinter die Kulissen gebeten werden, in einen Kommunikationsraum zwischen Akteurinnen und Publikum öffnet.

"Letters from Tentland" zitiert in seinem Titel das literarische Genre des persönlichen Berichts aus der Fremde, und auf der sprachlichen Ebene funktioniert auch die visuelle Metapher der Zelte, in denen sich die sechs iranischen Akteurinnen während des gesamten Stücks befinden: "Tschador" bedeutet im Persischen sowohl den die Körper der Frauen ganz verhüllenden Umhang, der seit der islamischen Revolution nicht mehr nur in ländlichen Regionen getragen wird sondern per staatlicher Verordnung immer und überall im öffentlichen Leben getragen werden muss. ?Tschador? ist aber auch das persische Wort für "Zelt". Sollten sie den Wunsch verspüren, an einem Ort zu verweilen, sind persische Frauen im öffentlichen Leben dazu verpflichtet, sich in ein kleines Zelt, das sie mit sich führen, zu setzen. Für totalitäre Gesellschaftsordnungen, in denen elementare Zeichen als rigorose Regeln gesetzt werden, typisch, ist der "Tschador" in seiner doppelten Erscheinung also ein allgegenwärtiges und fundamentales Zeichen für die Rolle der Frauen im System.
In der Bildsprache des Projekts "Letters from Tentland", das ursprünglich "Letters from Tehran" hieß, aus Gründen der iranischen Zensur umbenannt werden musste und so unfreiwillig eine hintersinnigere, wesentlich treffendere Bezeichnung erfuhr, werden diese kleinen, zusammenfaltbaren Eine-Frau-Zelte als Zeichen einer gesellschaftlichen Situation inszeniert. Das Bühnenstück visualisiert diese Situation nicht dokumentarisch (ein solcher Ansatz hätte die Aufführung in Teheran aus politischen Gründen unmöglich gemacht), sondern übersetzt sie in tänzerische Bewegung, in Bilder von eindrücklicher Kraft, die mit den Videoprojektionen und der Musik verschmelzen. Nach der einleitend auf den geschlossenen Vorhang projezierten Fotoserie von im ganzen Land aufgenommenen Frauen-Zelten, unter die sich gegen Ende der Sequenz – als lakonischer Kommentar zu den Grenzen der religionspolitischen Kontrollmacht – Notunterkunfts-Zelte für Erdbebenopfer ohne Ansehen des Geschlechts mischen, kommen die in ihrer undurchsichtigen Körperlichkeiten gespenstisch wirkenden Zelte in einer Gruppenchoreographie tastend und vorsichtig in Bewegung, erproben ihre Möglichkeiten. Und dann macht aus einem nach vorne gekommenen Zelt eine der sechs Performerinnen in einem ersten Monolog die Ambivalenz des Verhülltseins, die Ohnmacht und untergründige Macht der Unsichtbaren plastisch greifbar. Dies ist der Auftakt.

Dieses Wechselspiel von Choreographien und programmatischen Monologen bildet den Grundrythmus. Das immer wiederkehrende Erstaunen über die stumme "Körpersprache" der Zelte mischt sich mit der Ergriffenheit, wenn aus den seitlichen Schlitzen der Zelte Hände auftauchen und wenn in ihren Fenstern hinter dem Fliegennetz ein Gesicht erscheint und wenn dann schließlich, als ambivalenter Schlusspunkt, das Zelt wirklich kurz geöffnet wird.
Neben der Musik, die traditionelle Motive mit Elektronischem verbindet, spielen die Videoprojektionen von Karina Smigla-Bobinski und Anna Saup eine tragende Rolle. Überwiegend kontrapunktisch gesetzt, erscheinen stehende Bilder als Kulisse für bewegte Choreographien und filmische bzw. animierte Sequenzen auf dem geschlossenen Vorhang oder auf statischen Bühnensituationen. Wechseln sich Bewegung und Sprache auf der Bühne ab, so setzt sich auch das Repertoire der Projektionen aus Bildern und Text zusammen. Die Projektionen fungieren als Rahmen, indem sie einen topographisch-kulturellen Hintergrund aufbauen: Sie holen mit den Bildern der Zelte, mit der monumental vergrößerten Schleier- oder Netzstruktur, mit dem Stadtpanorama von Teheran und der Innenansicht der Notunterkunft genauso wie mit den laufenden Farsi-Schriftzeilen die iranische Welt auf die Bühne. Dies ist eine konkrete Verortung des Bühnengeschehens. Ein Element jedoch durchbricht den Rahmen: Die Sequenz der nur in ihrer weißen Silhouette sichtbaren unverschleierten Tänzerin ist imaginär. Sie zeigt schemenhaft das, was nicht sein darf, und holt damit flüchtig und immateriell das während des gesamten Bühnenstücks in elaborierter Symbolsprache Verschlüsselte unmittelbar ins Bild. (Konsequenterweise ist die Sequenz in den beiden Teheraner Aufführungen in dieser Form an der Zensur gescheitert.)

"Letters from Tentland" ist mehr als nur eine Theaterproduktion. Neben einer Buchpublikation und einer website, deren Forum immer neue Botschaften aus dem Iran zugänglich macht, die in Zukunft auch in das grundsätzliche offene Textkonzept des Bühnenstücks einfließen können, gibt es eine Videodokumentation des Projekts, die Karina Smigla-Bobinski während einer der "try-outs" genannten Aufführungen in Deutschland vor der eigentlichen Premiere in Teheran gedreht hat. In dieser Produktion beschränkt sich Smigla-Bobinski ganz auf das Theater – keine zusätzlichen Bilder und Materialien, keine Interviews und Gespräche, etwa mit den sechs iranischen Performerinnen (was zudem auch immer politische Risiken für die in Teheran lebenden Künstlerinnen mit sich hätte bringen können). Stattdessen eine bewusst zurückhaltende Wiedergabe des auf der Bühne Gezeigten. In Totalen von einem festen Standpunkt aus sind die Gruppenchoreographien und die bühnenfüllenden Videoprojektionen zu sehen, in Nahaufnahmen werden die Monologe aus den Zelten ins Bild geholt, Halbtotalen zeigen die Interaktionen zwischen einzelnen Performerinnen in ihren Zelten.

Diese extrem zurückgenommene Art der Darstellung im Medium Video, das doch unbegrenzte Möglichkeiten der Weiterentwicklung böte, transportiert eine klare Botschaft: Was bei dem Projekt "Letters from Tentland" wirklich zählt, ist das Ereignis seines Zustandekommens. Das Zusammentreffen von europäischen und iranischen Kulturschaffenden in einem von vielen äußeren Zwängen bedrohten und diese Zwänge immer auch zum Thema machenden Gestaltungsprozess, der in den beiden öffentlichen Aufführungen in Teheran seinen Kulminationspunkt gefunden hat, ist die Essenz des Projekts. Mit dem Medium der reinen, "historischen" Dokumentation der Theaterperformance hat sich Smigla-Bobinski außerdem den Freiraum geschaffen, das Projekt "Letters from Tentland" in seinen weiteren Entwicklungsschritten, deren nächster großer etwa die Performance im Rahmen der Biennale in Venedig sein wird, auf wieder neue Weise zu begleiten und zu erweitern.


© Thomas Huber, 2005





I ASKED: HOW ARE WE? . von Christina Thurner, Neue Zürcher Zeitung

Das persische Wort für Zelt, "Tschador", ist auch jenes für das staatlich verordnete Frauengewand. Daran erinnern Momente im Stück, in denen die Zelte wie grosse verhüllte Köpfe mit Sehschlitzen aussehen. Aber ganz so einfach macht es einem

Helena Waldmann mit den Bildern und Symbolen doch nicht. Sie spielt vielmehr mit ihnen und dreht sie so lange, bis diese sich gegen einen wenden und die eigene Sichtweise entlarven. Man sieht das, was man sehen will oder kann, wenn man lediglich ahnt, was sich hinter dem Schleier des Fremden verbirgt. Subtile Szenen mischen sich dabei mit plakativ wirkenden, ungemein bildstarke mit sperrigen.

Am schönsten sind jene Augenblicke, in denen sich die Videoprojektionen von Anna Saup, Karin Smigla-Bobinski mit dem plastischen Geschehen auf der Bühne und mit den Imaginationen der Zuschauenden verbinden. So tanzt einmal eine Lichtgestalt leicht und anmutig über die Zeltwände, als wäre es der Geist der Phantasie, die immer mit dabei ist, wenn etwas verdeckt wird. Dann wiederum werden die Zeltkörper mit bewegten Schriftzügen regelrecht überschrieben, bis alles durch den Raum rast. Dieses Bild könnte als Zeichen für die Herrschaft der Schrift über die Physis stehen, aber auch das bleibt flüchtige Vermutung, Projektion. "Öffne den Vorhang", schreit eine Darstellerin der Regisseurin ins Off zu. "Nein", antwortet diese, weil sie sie schützen wolle. Sie könne sich selber schützen, ruft jene zurück. Die Szene stellt aus, wie vorsichtig und reflektiert Helena Waldmann sich an das Thema der fremden Kultur herangewagt hat, aber auch wie schwierig es ist, dabei weder dem Effekt des Exotischen zu verfallen noch die eigene Perspektive dem Anderen überzustülpen. Niemand will denn auch mit ins enge Zelt, aus dessen Öffnung kurz sechs Gesichter blicken. Da geht der Reissverschluss wieder zu. Wir bleiben draussen und erkennen weiter nur Konturen, bis wir zum Epilog hinter den Vorhang gebeten werden - allerdings, für einmal, nur die Frauen.



BEHIND THE TENT . von Naomi Buck, online magazine signandsight.com

As the lights go down at the sold-out Tanzhaus in Düsseldorf, a friendly voice announces in German, "From my recent trip to Iran, I've brought back a few mementos to show you. The tents." A slide show appears on the stage curtain, showing images of nylon tents pitched on roadsides, on beaches, and outside mosques; families cooking outside tents, children playing in
tents, tent flaps closing to the photographer.
The voice belongs to Helena Waldmann, forty-three, a name in Germany?s experimental theatre and dance scene. Last year, Waldmann was invited by the director of the Dramatic Arts Centre in Tehran to give a workshop there.
She didn't know much about the arts in Iran - that dance has been forbidden since the revolution in 1979, or that no Western woman had ever before been asked to work in an Iranian theatre.
On arrival, Waldmann was given rehearsal space on the seventh floor of the arts centre. The director presented her with fourteen of Iran's top actresses, the closest thing to dancers he could offer. In lieu of dance, the Islamic Republic permits "rhythmic movement" - variations on folk dances in which contact between men and women, exposure of the female body, and provocative positions (as defined by a censor) are forbidden. But Waldmann was not interested in folk dance. With the door closed behind them and uniformed men standing guard outside, she asked the
women to line up along a wall-length window and, facing their city, to compose a letter to someone who was important to them. The first woman began her letter with "Dear God," then the others continued until they had drafted a collective plea that culminated with "Please God, come back from holiday." Waldmann had her motif. Beyond the guarded doors, expressing such thoughts was proscribed. When the ten-day workshop concluded, the group had come up with something that, in Waldmann's view, was worthy of a performance. "Letters from Tentland" opened the International Fadjr Theatre Festival in Tehran in January 2005, then toured Brazil and South Korea, before making its way to
Europe and tonight, Düsseldorf.
The curtain rises to reveal six pyramid-shaped tents in yellow, white, rust, beige, red, and dark blue on the darkened stage. A lamp lights up inside one and silhouetted fingers begin to snap. A maraca responds from another tent, then both are joined by clucking from a third tent and trilling from a fourth. The chorus ends with a proclamation: "I act in the spirit of mydirector." Absolved of responsibility for what may come, the tents begin to
move. For a good hour, they rock, run, twirl, roll, leap, cartwheel, and flap. Some attack, others submit; some cling together, others lurk on the margins. Their contents remain hidden, though occasionally a bare arm reaches out to grab, pull, or resist another tent. Through small, screened windows, figures in glittering pyjama-like outfits can be glimpsed now and again.
When the women finally position their faces squarely in the tent windows and stare out into the audience, Waldmann's metaphor becomes clear (chador in Farsi means both tent and veil).
As they move, video images of life in Tehran are projected onto the tents. Persian surtitles race from right to left as translations run in the opposite direction. At one point, a white shadow dances across the tents to the haunting sound of a woman singing alone. The rest of the music is instrumental, oriental, sampled.
Throughout, the tents carry on a dialogue with their director and the audience. Beige says, "We are protected. Our privilege is not to be identified. Your problem is how to identify us." Red, after whirling around the stage, yells, breathless, "I hate the skin of this tent. It makes me sick to touch it. I even hurt myself, punish myself in this tent. It's suffocating me." Blue says, exasperated, "You change the rules every day! Shall I dance? Yesterday no, today yes. I'll stay in my tent, I'll do my own theatre." And all the tents stand on their heads. At the end, only the dark blue tent remains; it has swallowed the others. The tent fly opens and a young woman looks at the audience with an expression of blank curiosity. She speaks in Farsi and waits, then translates: "Voulez vous visiter ma tente?" There's an awkward stillness. The tent fly opens further and the faces of the other women appear. "Please, come and visit our tent!," one of the women beckons. In Brazil, the actresses later tell me, women stormed the tent, crowding in
to complain about the pressure they feel to expose their bodies. In South Korea, no one budged. Here in Düsseldorf, the heart of Germany's extroverted Rheinland, a man strides confidently onto the stage. After some scrambling, he is granted entrance and the zipper closes behind him.
Helena Waldmann cheers loudly from the back of the theatre.
During rehearsals in Iran, the censors had come and gone, a silent presence at the back of the hall. Waldmann assumed she was on safe ground until the dress rehearsal, one day before the festival opening, when eight bearded men appeared. As they conferred afterward, Waldmann, unable to bear the suspense, walked up and asked what they thought. Why tents, they wanted to know. A new dance began. Waldmann described with wonderment her first impression of Tehran. Nomads, victims of the Bam earthquake, people offering provisional services - all living in or working out of tents. The censors accepted this explanation, but had two definite objections to the performance: the singing (Iranian law prohibits women from singing alone)
and the tight clothing and erotic movements of the dancing shadow. Waldmann was able to negotiate twenty seconds of singing, then, to fix the projection, had her video artist spend the night at the computer dressing the shape in pyjamas and making its movements jerkier more in the limbs, less in the chest and hips. The next evening, Tehran saw a slightly clumsy digital shadow instead.
The actresses know that the Iran they will return to would not have tolerated their show. Since the "Letters from Tentland" tour began, the country has elected a new, conservative president and the director of the Dramatic Arts Centre has been fired. Some speculate quietly about the possibility of landing in jail when they go back. Sara Reyhani, twenty-five, takes long drags of a cigarette. "In Iran," she says, "we lead two lives, one inside and one outside. Here in Europe, it's all outside. The freedom you have here is probably more natural. But maybe the hardship we suffer in Iran makes us focus on the important things." She looks down, admiring the cowboy boots she bought earlier that day.
Later that night, Reyhani and some of the other actresses go out on the town. They walk through the streets of Düsseldorf in the rain, stopping at a snack bar to eat German fries and watch all the people. It's past midnight and they are outside.

© Naomi Buck Febr 2006 Buck is a Toronto-born writer who lives in Berlin. She is the editor of the online magazine signandsight.com.



Letters from Tentland

von und mit > Zoreh Aghalou, Pantea Bahram, Mahshad Mokhberi, Banafsheh Nejafi, Sara Reyhani, Sima Tirandaz

Konzept and Regie > Helena Waldmann
Dramaturgie > Susanne Vincenz
Licht > Herbert Cybulska
Video > Anna Saup und Karina Smigla-Bobinski
Bühnenbild > Helena Waldman und Narmin Nazmi
Musik > Hamid Saeidi, Hans Schiessler und Reza Mojhadas
Regieassistentin > Rima Raminfar und Shabnam Koshdel
Iran Konsultant > Farhad Payar

Premiere > January 2005 Fadj Festival Tehran (Iran)
Try-outs > Sept 5, 2004 Hannover (D) and Nov 6+7, 2004 Munich (D)




Eine Production von Goethe-Institut und Dramatic Arts Center Tehran

Mit freundliche Unterstützung von Hauptstadtkulturfonds, in Zusammenarbeit mit Goethe-Institut

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