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JOSS - eine Kunst-Intervention bei "Kulturen des Wirtschaftens"in Berlin - 2010 > >>VIDEO> >> JOSS-VERBRENNUNG

Der Name "Joss" kommt ursprünglich aus dem Portugiesischen "Deus" und bedeutet so viel wie "Gott". In 17 Jh. als die portugiesischen Jesuiten Missionare nach China kamen, nannten sie die mit Silber und Gold versehenen Reispapiere, die sie dort vorfanden Joss Paper (göttliche Papiere).
Die Jesuiten erzählten den Chinesen, dass alle Nicht-Christen nach dem Tod in der Hölle landen. Diese Hölle haben die Chinesen passend zu ihrer Kultur, nicht als ein Ort der Verdammnis, sonder als eine Art Aufenthaltsort im Jenseits verstanden. Für dieses Jenseits wollten sie dann natürlich alles nötige mitnehmen.
Das alles passierte vor dem Hintergrund der Verkündung der Weltherrschaft von Christus. Es hiesse: "Er ist Heil und Kraft geworden". Die selben Worte könnten heute das grosse Versprächen und die Macht der globalen Wirtschaft verkünden. Die Christen damals träumten von einem Reich, wo die Sonne niemals untergeht, aber erst die globale Wirtschaft hat es geschafft. 
Auch die Joss-Paper Tradition hatte sich dem Wandel der Zeit angepasst und so reichte es auf ein Mal nicht mehr nur das Nötige ins Jenseits mitzunehmen, sondern es spielte auf  eine Rolle "was" man mit sich nahm. So genügte es nicht mehr nur "ein" Auto mitzunehmen, sondern es musste das beste sein z.B.: Mercedes S-Klasse. Mittlerweile gibt es sogar ein App für das iPhone, mit dem man Joss-Banknoten (die den Euro-Scheinen sehr ähnlich sehen) digital verbrennen kann. So mutierte das Jenseits nach dem Vorbild des Diesseits zu einer Art Second Live in Prunk und Protz. Es handelt sich hier aber nicht um eine Form der Religion, es ist ein Aberglaube. Dieser Aberglaube breitete sich mittlerweile in ganz Asien aus. In Taiwan z.B. verbrennen Firmen ein Mal in der Woche Joss für den wirtschaftlichen Erfolg oder Aufschwung. 
Der Akt der Verbrennung ist eine Art Transformation. In dem Moment werden die brennenden Joss, man könnte sagen "die Aliase der Gegenstände", in die Welt der Geister geschickt und erst dort werden sie zu richtigen Gegenständen.
Es hat etwas von Woodoo-Kult, denn die Joss sind nicht nur als Geschenke gedacht, sondern auch als Bestechungsmittel der Lebenden an die Geister, um sie für ein Vorhaben das man hat, milde zu stimmen. 

Die Joss-Installation zeigt auf eine ironische Art und Weise den Wahnsinn der globalen Wirtschaft. Ähnlich wie Fellini in "Roma" eine Moden-Show der katholischen Kirche veranstalte, zeige ich eine Konsum-Show der globalen Wirtschaft. Die Installation erinnert an ein Altar des Konsums und gleichzeitig durch den Akt der Verbrennung wird sie zu einer Art Generator aus dem die Träume wie Seifenblasen aufsteigen und über den Köpfen der Menschen schweben. 
Man könnte darin auch eine Art Damm sehen, wenn mann sich die monumentale schwarze Wand anschaut mit dem hervorquellenden Joss, sozusagen die Flut der Konsumgüter, aufhält, um eine temporäre Freizone zu schaffen, in der interdisziplinäre Lösungsversuche stattfinden können. Gerade Heute stellt sich die Frage wie dieses Wirtschaften besser gedacht und gestaltet werden sollte. Dabei spielt Kunst, als Form der Kultur (genauso wie Ökonomie oder Religion Formen der Kultur sind) eine sehr wichtige Rolle. Innovationen und neue Ideen müssen erst erdacht/entwickelt werden. Transdisziplinäre Dialoge sind gerade deswegen von enormer Bedeutung, da sie Probleme zuerst von einer Meta-Perspektive betrachten, um dann gemeinsam Utopien zu entwickeln. Das ist die Voraussetzung um richtige, weitsichtige, nachhaltige, globale und menschliche Lösungen zu finden.
Kunst als Vordenker und Spiegel der Gesellschaft hat dadurch eine wichtige Stellung.
Gerade erleben wir einen rasanten Wandeln von einer Industrie- zur Mediengesellschaft. Die enorme Informationsflut verdrängt das geschriebene Wort und bedient sich der schnellen  Informations-Weitergabe der Bilder. Bilder können durch ihre Präsenz vieles ins Zentrum der Gesellschaft rücken und wirken Nachhaltiger als tausend Worte. Kunst kristallisiert in Bildern Probleme, Funktionsweisen, Ängste, Tabus, etc. Sie gibt keine Lösungen an, aber sie verändert die Bilder in unseren Köpfen. Somit verändert sie auch die kollektiven Vorstellungen, aus denen die gesellschaftliche Vorgehensweisen resultieren. 

Am Ende werden die Joss verbrannt. Die Joss-Konsumgüter, die ich aus China "reimportiert" habe, lasse ich  am Ende verbrennen.  Oder anders gesagt, nach dem ich sie aus dem Reich der Toten zurück in die Welt der Lebenden, an den Ort ihres Ursprungs, zurückgeholt habe, lasse ich sie hier vernichten. Lustigerweise ist das auch die Praxis beim Zoll, der eingeführte Plagiate einstampft oder verbrennt. 

Mit dieser Joss-Intervention schaffe ich ein Bewusstsein für das Problem des Konsum-Teufelskreises, der immer mehr Länder in seinen Sog zieht und damit immer mehr Menschen ihre Existenzgrundlage entzieht.  


© Karina Smigla-Bobinski, Berlin 2010





Der Traum vom besseren Leben von Hanne Weskott

Noch gibt es Weltregionen, in denen die westliche Zivilisation nahezu unbekannt ist. Aber durch die weltweite Vernetzung und die elektronischen Medien werden es immer weniger. Die Errungenschaften der industrialisierten Welt dringen mit Hilfe der globalen Kommunikation ständig weiter vor. So entspringt der Traum von einem besseren Leben gerade im asiatischen Raum vielfach der Sehnsucht nach einem leichteren Leben und unterliegt den Einflüsterungen der westlichen Werbung.
China ist das Land der Zukunft, was den Weltmarkt anbelangt. Von hier und aus ganz Asien kommen nicht nur die Billigprodukte der Discounter, sondern auch Haushaltwaren, Handys, Computer und vieles mehr bis hin zu Luxusgütern. An den Montagebändern sitzen Arbeiter und Arbeiterinnen, die sich das, was sie herstellen, meist nicht leisten können. Aber die Chinesen haben Ventile für ihre Sehnsüchte gefunden. Da sind einmal die vielen Markenplagiate, die es auch den Nicht-Reichen erlauben Gucci, Armani oder Ray Ban zu tragen, und zum zweiten gibt es Papiernachbildungen von Gütern jeder Art, Joss Papers genannt.

Hochherrschaftliche Villen samt Dienerschaft, Wachpersonal und Besitzurkunden, Autos der Marke Mercedes, Mikrowellengeräte, Motorräder, Handtaschen, Trollys, Regenschirme, Baseballkappen, Play-Stations, Schuhe, Uhren, Schulsachen, Camcorder, ja sogar Hunde, Gitarren, Schweinshaxen und Laptops, auf deren Bildschirm Alpenlandschaften erscheinen, alles wird als dreidimensionaler Nachbau aus Papier per Internetkatalog angeboten. Blättert man darin, glaubt man sich in einer herrlichen Spielzeugwelt. Aber Joss Papers sind nicht zum Spielen gedacht, sondern zum Verbrennen. Sie sind Gaben für Verstorbene und werden am Ende einer langen Begräbniszeremonie verbrannt. Ihr Rauch steigt in den Himmel auf. So werden sie Teil der Welt der Toten und können diesen dienen. Joss Papers gibt es in allen Größenordnungen und Preislagen, liebevoll angeordnet in kleinen Paketen oder auf Bestellung. So sehr sie auch eine Wunschwelt en miniature darstellen, so wenig sind sie bloßer Ersatz für Unerreichtes im Leben. Wer sich einen Jaguar oder Rolls Royce als Joss Paper-Nachbau bestellt, muss dafür eine ganz schöne Summe hinblättern, und für eine große Begräbniszeremonie muss man auch viele Joss Papers kaufen. Sie werden zu einem Turm angehäuft und sollen den Reichtum der Trauernden darstellen, und an diesem Reichtum soll der oder die Verstorbene teilhaben. Söhne und Töchter sorgen so für das schöne und bessere Leben ihrer Eltern im Jenseits. Deshalb muss auch die Besitzurkunde des Joss-Paper-Hauses ausgefüllt werden, bevor die Teilnehmer der Beerdigung dieses dem Feuer übergeben. Durch das Feuer nehmen die Gegenstände einen anderen Aggregatszustand an und werden so jenseitskompatibel. Erst so können sie dem/der Verstorbenen in der Welt der Toten dienen.

Ursprünglich war es in China bei traditionellen Begräbnissen der Brauch, Gold- oder Silberpapiere zu verbrennen, um die Geister milde zu stimmen. Das macht man auch heute noch in den Tempeln vor einem wichtigen Ereignis oder an Neujahr. Als dann christliche Missionare ins Land kamen und den Chinesen etwas von Himmel und Hölle erzählten, Begriffe, die in ihrem Denken gar nicht existierten, wurden aus den Gold- und Silberpapieren richtige Banknoten, Hell- oder Heaven Bank Notes genannt. So kommt auch das Wort Joss Paper aus der Begegnung der Chinesen mit christlichen Welt. Nach Webster’s Unabridged Dictionary ist es ein pidgin word, dem das lateinische und portugiesische Wort Deus zugrunde liegt, eigentlich eine Verballhornung, die sich durch schlechte Aussprache immer weiter abgeschliffen und verändert hat. Zu diesem europäischen Wortstamm passt dann auch, das die Joss Papers fast ausschließlich Waren der westlichen Welt darstellen. Von buddhistischen Mönchen werden sie übrigens abgelehnt und als Aberglaube bekämpft.

Für Smigla-Bobinksi ist diese Welt aus Papier ein beredtes Zeugnis für die rein westlich orientierte Wunschkonsumwelt der Chinesen, in der schon fast so etwas wie Heilsversprechen liegt. Heißt doch das Motto der gerade eröffneten EXPO in Shanghai: „Bessere Stadt, besseres Leben“. Dagegen wäre an sich nichts einzuwenden, wenn nicht die Wirklichkeit dagegen spräche. Für diese bessere Stadt verloren viele Chinesen ihre alten Häuser und wurden in vom Westen inspirierte Wohnmaschinen umgesiedelt. Ein besseres Leben erwarten sie davon nicht, auch wenn sie vielleicht zum erstenmal fließendes Wasser haben. Verbesserung heißt in China Verwestlichung. Karina Smigla-Bobinski jedenfalls kam auf die Idee, mit ihrer Inszenierung der Joss Papers die Einbahnstraße West-Ost zu unterbrechen und den Austausch zwischen den Kulturen als Kreislauf zu gestalten. Für Joss Papers hat sie die Papierimitate westlicher Produkte aus China in den Westen reimportiert und wird diese in einer heidnischen und einer symbolischen Parallelhandlung zu chinesischen Bräuchen verbrennen.

Im ersten Akt ihrer Kunst-Inszenierung präsentiert sie die Welt der Joss Papers während der Veranstaltungsreihe „Kulturen des Wirtschaftens“. Diese Präsentation geschieht allerdings hinter einer schwarzen Bühnenwand, vor der die Diskussionsteilnehmer sitzen. Durch einen Schlitz in der Wand wird die Glitzerwelt der Joss Papers sichtbar. Wer sie genauer sehen will, muss hinter die Bühnenwand treten, was möglich und erwünscht ist. Gleichzeitig sind im Aufenthaltsraum, in dem in den Pausen Essen und Getränke gereicht werden, drei unterschiedlich große, durchsichtige Luftballons installiert, von denen einer bewegt werden kann. In den riesigen Ballons sind einzelne Joss Papers befestigt. Sie sind Spielzeug, aber auch gleichzeitig ein Hinweis auf die große Verletzlichkeit der globalen Wirtschaft oder schärfer ausgedrückt, symbolisieren sie den Seifenblasencharakter globaler Finanztransaktionen, der sich 2009 deutlich gezeigt hat. Im zweiten Akt werden Besucher der Veranstaltung dann aufgefordert, ein Joss Paper herauszunehmen und in ein draußen entfachtes Feuer zu werfen. Allerdings werden die Besucher keine Gold-und Silberpapiere finden. Diese original chinesischen Geisterbeschwörungsmittel sind für Smigla-Bobinski Tabu. Es geht ihr nur um den Re-Import westlicher Konsumwaren. Das Feuer soll hier eine Art Katharsis, eine Reinigung, bewirken. In einem dritten Akt werden die Ballons mit den Joss Papers in die Spree gesetzt. Sie schwimmen einer ungewissen Zukunft entgegen, aber gehen in die Welt hinaus wie die Utopien, die während der Veranstaltungen hoffentlich entwickelt wurden.

So soll die Inszenierung in drei Akten auf den Kulturimperialismus der westlichen Welt verdeutlichen. Durch das Verbrennen re-importierter westlicher Konsumwaren in Berlin wird diese dem Reich der Toten zurück in die Welt der Lebenden geholt und verbrannt, was hier nichts anderes als vernichten bedeutet. Dieser Prozess ist eine Parallelhandlung zum Vernichtungswerk des Zolls, der eingeführte Plagiate einstampft oder verbrennt. In der Kunst-Inszenierung JOSS erscheint die bewusste Vernichtung als einziger möglicher Weg der Befreiung und ist damit nicht mehr als eine Utopie, während das Hinausschicken der Ballons zu einer Art Flaschenpost wird, die hoffentlich jemand aufgreift, damit sich die in den Veranstaltungen entwickelten Ideen fortpflanzen.




Joss production by Cheung Kei Worship Supplies

Forty-four-year-old Fan Chun Sing of Cheung Kei Worship Supplies has been making paper-models for the last 18 years. Originally working in transportation, Fan lost his job at 26 and was introduced to the business by a monk friend. He has been in it ever since, and is honest enough to say – repeatedly – that he is bored. “Every day I come back and face these things,” he sniffs and points at paper-models of swans, wheelchairs and rocking chairs hanging in the crammed and stuffy shop on Winslow Street, Hung Hom. “But I am 44 already. If you are a boss, would you employ a 40-something or a 20-something?”



The veteran says model making doesn’t require a lot of artistic skill, though he admits sometimes a client’s request “is a test to see if you have the qualifications to compete the task. If a client gives me the picture of a Harley [Davidson] motorcycle, I will have to figure it out.” A special request will usually take four days to realise, Fan says, and it will look about 80% like the real thing, whereas the standard two-storey house with backyard would only take 40 minutes when he was young and fit. Fan says he had to learn four things when he first started: gluing paste, cutting paper, remembering the size and cutting the rattan into equal lengths. “It is easy because a lot of things are standardized, especially when the lines are straight,” he explains, pointing at the base and beams of the paper house. Then he indicates the wheel of a paper car. “But when there is a curve, it is much more difficult and you have to put in more effort to learn it.” He also has to keep up to date with the many new products (i-Pods, LV bags and various models of cell phone) that have come on the market, often bought from China and Thailand. A paper house may cost a walk-in customer $1000-$2000, though the price can be reduced by half for a funeral home that is a regular customer.
Isn’t paper-model making one of the cruelest jobs imaginable? After all, all your hard work ends up burnt – isn’t that a bit frustrating? “Nah, I got used to it already. In the past I used to look at my fingers all covered by plaster in winter, but now I don’t care anymore,” Fan says. His proudest moment came in 2002, when his company made the ‘HK1’ Rolls Royce for Cantopop legend Roman Tam’s funeral. “I did the delivery and was stopped so pictures could be taken for the newspaper.” Asked if he thinks working in the funeral business could bring him bad luck, he is quick to respond. “I am only afraid if there is no money in my wallet,” he says.




Eine Production des Ludwig-Maximilians-Universität München and Kulturstiftung des Bundes

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Mit freudliche Unterstützung von CS Wing Fook in Hong Kong






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> "Cultures of Economics" - LMU München
> "Cultures of Economics" - German Federal Cultural Foundation
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