| ALIAS - interaktive Video-Licht-Installation - 2004 |
Karina Smigla-Bobinskis Videoinstallation ist ein Arrangement verschiedener permanent arbeitender Projektionsapparate. Die eintretenden Besucher sehen zuerst nur eine gleißend helle Wand. Wenn sie sich im Raum bewegen, werfen ihre Körper Schatten auf die Schauwand, da sie im Lichtkegel stehen. Im Dunkelraum ihres Schattens werden Videoprojektionen sichtbar. Die Bilder zeigen über die ganze Breite der Schauwand in Lebensgröße stehende Personen verschiedenen Alters, deren Antlitze unterschiedliche Herkunft, unterschiedliche Nationalitäten verraten. An einem bestimmten Platz stehend, ist der Schatten des Betrachters an der Wand ausgefüllt mit der Gestalt eines fremden Menschen, der ihm, sich kaum bewegend, scheinbar direkt in die Augen blickt. So begegnet der in der Videoinstallation anwesende Betrachter dem Bild seiner Gestalt im Schattenriss und zugleich dem Bild eines Fremden, der sich hinter der Lichtwand zu verstecken scheint. Sich seitlich vor der Wand bewegend, ist es ihm möglich, seinen immer gleichen Schattenriss mit vielfältigen Erscheinungen zu füllen. Seine Wahrnehmung ist mit Bildern auf mehreren Ebenen konfrontiert. Der natürliche Schatten, elementares Abbild und Zeugnis seiner Anwesenheit, wie seiner körperlichen Gestalt in ihrer lebendigen Bewegung, und die aus Licht erzeugten und zugleich von einem anderen Licht bedrohten, künstlichen Abbilder körperlich abwesender Menschen. Ist der Betrachter nicht allein im Raum anwesend, hat er um sich herum andere Personen in deren Begegnungen mit sich und dem Fremden und sieht die andere Person mit ihrem Schattenabbild und ihrer Interaktion mit dem künstlichen Bild. Im Höhlengleichnis von Platon, wo die Projektion der Schattenbilder aus der hellen „Außenwelt“ auf die schwach beleuchtete Höhlenwand vor den Augen der vor dieser Fläche befangenen Menschen eine Metapher für die unterschiedlichen Erkenntnisebenen ist, wo also Erkenntnismodi durch Wahrnehmungsmodi illustriert werden, bestimmt eine Hell-Dunkel-Hierarchie das Bild: Die Welt der ideellen Urbilder, deren bloße Abbilder an die Höhlenwand projeziert werden, ist der Bereich des (die Unvorbereiteten blendenden) Lichts. In der Höhlenwelt der Unwissenden herrscht Halbdunkel, es ist das Reich der Schatten. Ohne die Analogie zu weit treiben zu wollen, finden sich einige Komponenten der Metapher in Smigla-Bobinskis Installation wieder, die bereits in ihrem Aufbau an die ausgeklügelte technische Konstruktion im Bilderapparat des Höhlengleichnisses erinnert. Die Trias von Licht, Schatten und Dunkelheit, die Isolation in der Höhle mit ihrer Schauwand nichts anderes als der „white cube“ Galerie und schließlich die Frage nach der Wertigkeit von Bildern und, damit zusammenhängend, die Frage nach dem Verhältnis von Bild und Abbild. Wo in der platonischen Metapher eine didaktisch klare Ordnung unter der Dualität von immateriellem, ideellem Urbild und dem sinnlich Wahrnehmbaren, das immer nur ein Abbild des Urbilds ist, behauptet wird, durchdringen sich bei Smigla-Bobinski alle Bilder in einem Lichtraum. Durch die Überstrahlung geschieht mit den Videobildern eine Entkoppelung von Anwesenheit und Sichtbarkeit. Aus Licht gemacht und vom gleichen Trägermedium Licht wieder gelöscht, also als ideelles Signal definiert und sofort in die sinnlich nicht wahrnehmbare Immaterialität zurückgeschickt, benötigen die Bilder zu ihrer sinnlichen Entfaltung einen Empfänger. Der Besucher ist mit seinem Schatten dieser Empfänger, wenn nicht sogar das Medium, das dem fremden Individuum innerhalb seiner eigenen Körperkontur zur Sichtbarkeit verhilft. Letztendlich ist die Installation auch eine schöne Metapher dafür, dass Kunst ohne Betrachter in einer unvollständigen Existenz gefangen ist. In Smigla-Bobinskis heller Höhle werden die Betrachter in einer intimen Situation befremdet. In der eigenartigen Begegnung mit dem eigenen Schattenriss, der einem, quasi als Vorstufe zum Spiegelbild, unvermittelt die selbst so nicht wahrnehmbare Individualität in der Außenwelt vor Augen führt - eine Gestalt, die in ihrer Andersheit immer schon etwas „Befremdendes“ hat -, tritt unvermittelt das Abbild eines wirklich Fremden hinzu. Dieses ist im Gegensatz zur Photographie in der bewegten Videoprojektion, die die stehenden Personen in ihrer leichten natürlichen Bewegung wiedergibt, innerhalb der lebendigen Anwesenheit des eigenen Schattenrisses, die sinnlich sehr eindrückliche und unvermittelte Konfrontation mit einem Abwesenden. Die Unmöglichkeit, lebendigen Kontakt mit dieser Person aufnehmen zu können, sie nur anzusehen, so wie deren Abbild vorgibt, einen ebenfalls anzublicken, ist irritierend. Wie im klassischen < Slapstick, wo zwei sich gegenüberstehende Komiker durch einen leeren Rahmen ?Spiegel spielen? und die durch die Asynchronizität der Bewegungen entstehende Verwirrung in absurden Pantomimen ausreizen, kann der Betrachter in der Installation den Spiegel des Videobildes mimen und versuchen, seine Haltung und seine Bewegungen mit denen des künstlichen Gegenübers in Einklang zu bringen. Damit wechselt er die Seiten und nimmt versuchsweise die Rolle des Abbilds vom Abbild ein. Genauso wird dem betrachtenden Subjekt aber auch der Part des Schöpfer-Spielers angeboten, der die Macht hat, mit dem Abbild des Fremden nach Belieben zu verfahren, es im eigenen Schattenriss, der zur sich in eine dunkle Tiefe öffnenden Bühne wird, aufgehen und wieder verschwinden zu lassen. Es ist möglich, die Begegnungen in dieser Installation wie eine Remineszenz an Jacques Lacans Therorie vom Spiegelstadium zu sehen, in der er darlegt, wie das Kleinkind in einem bestimmten Stadium seiner Entwicklung das eigene Spiegelbild, das bis dahin als das Bild eines Fremden gegolten hat, als Bestandteil seiner selbst zu erkennen beginnt, und dies als entscheidenden Schritt in der Konstituierung des Selbstbewusstseins bezeichnet. Das fremde und dennoch von der eigenen Person völlig abhängige Gegen-Bild, wirkt wie der Vorschlag einer alternativen Identität. Unübersehbar ist die Symbolkraft dieses Konzepts in Richtung auf das im aktuellen soziopolitischen Diskurs allgegenwärtige Thema der Identitätskrise der Menschen innerhalb einer Gesellschaft, in der die Auflösung konventioneller Rollenbilder einhergeht mit der bemühten Suche nach Individualität und Originalität und letztendlich in eine allgemeine Unsicherheit und in eine Überlagerung verschiedener partieller Identitäten in ein und derselben Persönlichkeit mündet. Oberhalb der Ebene jenes und anderer möglicher konkreter Symbolgehalte sind die vom Betrachter nur in ihrer Sichtbarkeit, nicht aber in ihrer Erscheinung beeinflussbaren Gestalten in Karina Smigla-Bobinskis Installation freie Bilder, keine Trugbilder im platonischen Sinn, sondern im Licht enthaltene Spuren fremder Existenzen und in dieser hermetischen Verborgenheit Zeichen für die Komplexität und inhaltliche Dichte des scheinbar reinen Lichts, das nicht nur physikalische Energie ist, sondern immer auch transzendente Qualität hat.
Die multi-mediale Installation von Karina Smigla-Bobinski kombiniert unterschiedliche Projektionstechniken, die unmittelbar auf die Präsenz der Besucher reagieren. Durch eine komplexe Lichtregie entsteht ein Interaktionsfeld, in dem projizierte Videoaufnahmen von fremden Personen mit dem Schatten des jeweiligen Ausstellungsbesuchers verschmelzen. Karina Smigla-Bobinski setzt Video in dieser räumlichen Anordnung als ein Medium der Begegnung mit dem eigenen Abbild ein, das zugleich durch die Überblendung mit dem Aspekt der "Fremdheit" oszilliert. Mit diesem Konzept knüpft die Künstlerin an den Aspekt der Selbstbefragung als eines der traditionellen Themen der Videokunst an. Doch entwickelt sie diesen Ansatz weiter, indem sie die narzistische Konstellation der üblichen Verwendung der Videotechnik um die Konfronation mit dem "Anderen" im Schatten der eigenen Erscheinung erweitert. Auf diese Weise entsteht ein Raum der "Selbsterfahrung", die erst in der Begegnung mit dem Bild des Anderen ihre Gestalt annimmt. Der Bremer Videopreis eröffnet Perspektiven auf Monumentales und Schattiges
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