KARINA SMIGLA-BOBINSKI > Videoinstallation des Staatstheater am Gärtnerplatz






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Zwei Videoinstallation des Staatstheater am Gärtnerplatz in München zur 850-Jahrfeier Münchens von Hanne Weskott

Beatriz von Eidlitz und Karina Smigla-Bobinski haben sich das Staatstheater am Gärtnerplatz als Ort für zwei Videoinstallationen gewählt. Beide Künstlerinnen, die multinationale Wurzeln haben, fühlen durch das von der Stadt vorgegebene Motto „Brücken bauen“ angesprochen. Sie denken dabei an Brücken zwischen Einheimischen und Zugewanderten, zwischen Realität und Imagination, irdischer Nüchternheit und hochfliegenden Erwartungen, Tatsachen und Träumen.


Der Platz – Auch in München gibt es Plätze, die sich zum Träumen eignen. Ein idealer Ort dafür ist immer schon das Theater. Und besonders ein Theater, das an einem Gärtnerplatz steht. Nun hat dieser Platz zwar seinen Namen nicht vom Garten bekommen, sondern vom Architekten Friedrich von Gärtner (1791–1847). Aber abgesehen davon war das der erste nach dem Fall der mittelalterlichen Befestigungsmauern neu geschaffene Platz, bei dem die gärtnerische Gestaltung im Vordergrund stand. Er diente nicht einem herrschaftlichen Repräsentationsbedürfnis, sondern ausschließlich der Aufwertung eines neuen Viertels, damit sich die Menschen hier wohl fühlen, was wiederum potentielle Investoren animieren sollte. So geriet der eigentliche Namensgeber etwas in den Hintergrund.


Das Theater - Zu diesem kleinen Paradies gehört das Theater, das als erstes in München den Bürgern offen stand. Es gab im 19. Jahrhundert zwar königliche Hoftheater, die aber waren dem Volk verschlossen. Das heutige Staatstheater am Gärtnerplatz wurde 1864/65 nach Entwürfen des Architekten F.M. Reifenstuel als Münchner Aktien-Volkstheater erbaut. Es war der leichten Muse gewidmet und wurde lange als Operettentheater betrieben. Der Wunsch, dem Paradies wenigstens für Stunden etwas näher zu kommen, konnte hier in Erfüllung gehen.


Die Videoinstallation "Paradies" im Eingangsfoyer zeigt in den Rundfenstern über den Türen Filme von Karina Smigla-Bobinski, in denen Menschen unterschiedlicher Religionen und Kulturen aus aller Welt ihre Vorstellung vom Paradies erklären. Drei Fragen wurden gestellt:

Was weißt du über das Paradies?
Was ist das Paradies für dich?
Und wo ist es?

Sie sollten spontan antworten, ohne lange nachzudenken. Zwischen den einzelnen Interviews sind immer wieder Fotos und kleine Filme von Beatriz von Eidlitz zu sehen, die Menschen zeigen, die sich vor einem großen gelben Lilienfeld im Parque Güell in Barcelona gegenseitig ablichten.


Park und Ich - Das Wort Paradies kommt aus dem Persischen und bedeutet eigentlich Einzäunung. Im Griechischen hat es eine Erweiterung in Richtung „Park, Tiergarten“ erfahren, so dass es als umzäunter Garten gedeutet wurde, in dem Menschen frei von Angst und Sorge leben konnten. Der biblische Sündenfall ist, psychologisch gesehen, gleichzusetzen mit der Entdeckung des eigenen Ichs. Das Bewusstsein, einen eigenen Willen zu haben, hat die Vertreibung aus dem Paradies zur Folge. Diese Vertreibung ist endgültig und nicht revidierbar, auch wenn der Wunsch danach ein Leben lang bleibt. Das Paradies wird zur Utopie.


Paradies als persönliches Glück - So weit die Theorie. In der Praxis sehen die Paradiesvorstellungen wesentlich irdischer und vor allem weniger utopisch aus. Ungeachtet der Tatsache, dass viele der Menschen, die Karina Smigla-Bobinski nach ihren Paradiesvorstellungen befragt hat, wenig Grund zur Annahme haben, in einem Paradies zu leben, glauben sie, es gefunden zu haben, und zwar nicht unbedingt in der Ferne. Je länger man den Interviews zuhört, je mehr wird klar, dass sich die Bilder vom Paradies sehr stark am Hier und Jetzt des Daseins orientieren. Dabei zeigen sich über Religionsgrenzen hinweg manche Ähnlichkeiten. Paradies ist für viele ihr Zuhause, die Familie, die Arbeit. Es kann aber auch ein geistiger Ort sein, der Garten der Kindheit, den man in Gedanken immer wieder besucht, um Kraft zu tanken. Oder das Haus im Gazastreifen, das nicht mehr existiert und von dem nur ein Schlüssel geblieben ist, der wie eine Reliquie gehalten wird. Oft ist es auch die eigene Stadt, die Heimat. Viele verbinden es allerdings mit Meer, Sonne und Palmen. Sie sehnen sich dorthin, wo viele der Armen dieser Welt ihr Leben fristen. Aber das kommt in ihren Träumen ebenso wenig vor wie die hohen Lebenshaltungskosten in ihrer eigenen Stadt.


Diese Videoinstallation ist tagsüber zu sehen, die zweite "Aquarium" im oberen Theaterfoyer nur während der Nacht. Dann werden auf die drei großen Fenster des oberen Foyers Filme projiziert, die Goldfische in Bewegung zeigen. Die Fenster werden so zu Schaufenstern, der Raum selbst scheinbar zu einem Aquarium. Für die Passanten gibt es einige wenige Tage lang ein stummes kostenloses Theater.

Der Goldfisch als Glücksbringer - In China gelten Goldfische als Blumen unter den Haustieren. Einer Legende zufolge lebten sie einst im Himmel. Sie spielten hinter den Wolken und fielen aus Unvorsichtigkeit vom Rand der Wolken auf die Erde. In Wirklichkeit aber sind dies die ersten Aquarienfische überhaupt, die nur zum Vergnügen der Menschen gezüchtet wurden. Sie gelten, wahrscheinlich schon wegen ihres Goldschimmers und ihrer langen Lebenserwartung, als Symbole für Wohlstand und Überfluß, als Glücksbringer.

Und mehr noch: Die Fische unter der Wasseroberfläche umspielen den Übergang zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem, Bewußtem und Unbewußtem, Geheimnis und Entdeckung. Darum ziehen sie die Blicke magnetisch an.


© Hanne Weskott, München, 2008