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Appearances in a world of appearances by Cornelia Kleÿboldt

"Der Sinneseindruck Farbe entsteht beim Menschen, wenn Licht einer bestimmten Wellenlänge oder eines Wellenlängengemisches auf die Netzhaut des Auges fällt. Farbe ist also eine Sinnesempfindung und keine physikalische Eigenschaft eines Körpers. Ausgelöst wird diese Sinnesempfindung durch...“ Licht, das „... ins Auge gelangt und hier von speziellen Sinneszellen in eine Nervenerregung umgewandelt wird, die ihrerseits zum Gehirn geleitet wird und dann auf bisher nicht genau geklärte Weise als Farbe ins Bewusstsein des Menschen tritt. (...)" (Definition der Farbe nach DIN 5033)


Karina Smigla-Bobinski versteht sich als Malerin, jedoch hat sie ihr Malmaterial, das traditionellerweise die Verwendung von Farbe auf einem Malgrund vorsieht, erweitert. Ihr "Malmaterial" können sowohl Farben als auch Licht in Form von projizierten Vorlagen sein. Ihr "Malgrund" kann eine Leinwand sein, aber auch eine Wasseroberfläche, ein Schatten auf der Wand oder sonstige Projektionskörper mit reflektierenden Eigenschaften. Ihre "malerische Technik" bzw. "Malwerkzeuge" sind Spiegelungen oder Projektionen bei denen manuelle Eingriffe bzw. Handlungsvorgaben und vor allem als Linsen funktionierende Objekte die Transformation einer wahrgenommenen Vorlage in eine künstlerische Wirklichkeit übernehmen.
Als Konsequenz ihres erweiterten Verständnisses der traditionellen Malerei ereignen sich Smigla-Bobinskis künstlerische Arbeiten weniger auf der Leinwand als im Rahmen räumlicher Installationen unter Einsatz oder Kombination unterschiedlicher künstlerischer Medien. Bei den Arbeiten von Karina Smigla-Bobinski kann es sich um Rauminstallationen oder projizierte Bestandteile eines Bühnenbilds handeln.
Neben dem Einsatz von Film- oder Bildprojektionen und Objektinstallationen kann auch der Betrachter als Handelnder oder sich Verhaltender zum Teil der künstlerischen Wirklichkeit, d.h. des Bildes werden. Dabei kann er - neben seiner Betrachterrolle - sowohl in die Rolle des "Malgrundes" als auch in die Rolle des "Pigments" schlüpfen und deren traditionell als passiv wahrgenommenen Eigenschaften als aktive ins Bewußtsein rufen. Während sich das konkrete Erscheinungsbild der Installationen immer wieder neu und flexibel den spezifischen Umständen der Inszenierung oder des Handlungsfeldes anpassen, bleibt es jedoch einer grundlegenden Idee bzw. Wahrnehmung der Künstlerin verpflichtet.
Das Sujet der Künstlerin ist und bleibt die wirkliche, sichtbare Welt - ob inszenziert oder vorgefunden. In Zuständen, Elementen und Dingen der Welt scheinen Befindlichkeiten oder Emotionen gespiegelt enthalten zu sein. Beobachtungen, Wahrnehmungen und Zuständlichkeiten regen die Künstlerin zur Formulierung in ihrem künstlerischen Schaffen an.

Karina Smigla-Bobinski ist weniger Erfinderin als Beobachterin. Sie arbeitet wie eine veränderliche Linse, die das Beobachtete - aufgeladen und verdichtet durch die jeweilige Eigenschaft der Linse - vom einen in das andere überführt. Als aufnehmende Linse ist sie zugleich wie ein "Malgrund" mit transformierenden Eigenschaften. Die Rolle und das Selbstverständnis der Künstlerin werden nicht nur im konzeptuellen Begreifen der Arbeit sichtbar, sondern sie tauchen als Transformator bzw. Aufnahme- und Projektionslinse auch in ihren Arbeiten selbst auf, sind als greifbare Bestandteile in ihren Kunstwerken enthalten, insbesondere Spiegelung bzw. Reflexion, wie auch die Durchlässigkeit bzw. Transparenz von Materie als Eigenschaften, die als "Linse" ein Bild der Welt aufnehmen, transformieren und gespiegelt weitergeben können.
Als Verwandlungskünstlerin entführt sie ihr Publikum. Sie läßt die Welt ihrer künstlerischen Erscheinungen wie geheimnisvolles, nächtlich-unerklärliches Zaubertheater aussehen, um schließlich mit der Nüchternheit und Einfachheit ihrer Grundlagen und Verfahrensweisen zu verblüffen. Wo sich in einem Schacht im Boden ein Durchgang in die Tiefe abzuzeichnen scheint, befindet sich nur ein Monitor und der vermeintliche Raum dahinter ist lediglich gefilmte Realität, die unter einer gläsernen Oberfläche abläuft.
Es ist als wären ihre Bilder "wirkliche Bilder" neben bzw. in der sogenannten "Wirklichkeit" und letztlich verführt dieses Nebeneinander zu Illusionen. Karina Smigla-Bobinski läßt die poetisch-verdichteten, zugespitzten Umsetzungen bzw. Transformationen ihrer Beobachtungen und inneren Aufzeichnungen wie Zauberei aussehen.
Das "So tun als ob" ihrer Bilder eröffnet Ausblicke und Perspektiven auf eine künstlerisch transformierte Wirklichkeit, deren Möglichkeiten als Bereicherung und Mitteilung neben der Wirklichkeit des Betrachters stehen. Sie projizieren die Wirklichkeit als vermeintlich "verfremdete" in den Raum und spielen vorher nicht wahrgenommene Möglichkeiten als deren Vergegenwärtigung ein. Es ist, als entstünde ein Gleichgewicht zwischen Kunst und Wirklichkeit, zwischen einer künstlichen Wirklichkeit und einer wirklichen Kunst auf dem gemeinsamen Nenner der "Erscheinung", einer einzig vom Licht abhängigen Sichtbarkeit.
Immer wieder verwendet die Künstlerin Wasser als „Linse“. Die Bewegungen des Wassers bedeuten ihr materialisierte Zeit mit der der gespiegelte Gegenstand ins Leben gerufen wird. Anstatt der üblichen 24 Bilder pro Sekunde, sind die auf der Wasseroberfläche gespiegelten Einzelbilder eine Art, Filmbilder und -geschichten zu erzeugen. Wo einer von der im Wasser oder unter Trümmern versunkenen Stadt Atlantis träumt oder auf Tauchgang nach ihr sucht, da lässt sie den Lebenskeim einer neuen Heimat als behütete Wasserspiegelung zum greifen nahe, atmend wirklich werden. Hinter der Wasseroberfläche eröffnet eine magisch wirkende, lebendige Unterwelt, deren langsame Bewegungen Spuren freilegt, in denen die Zeit sich selber verdichtet.
Die Künstlerin träumt Träume und nächtliche Wahrheiten, die dem Tageslicht standhalten. Sie erzeugt Erscheinungen in einer Welt der Erscheinungen. Sie zaubert ihre Beobachtungen, Empfindungen und Sehnsüchte mitten in die Welt hinein, wie soeben aufgetauchte Inseln, die sich unmittelbar, voller Respekt für die Umgebung und äußerst fruchtbar mitteilen.


Die vorgenommenen Manipulationen, Veränderungen oder Verfremdungen der wahrgenommenen Wirklichkeiten in deren künstlerischer Umsetzung basieren auf einfachsten Mitteln und Techniken:
Bewegungen werden verlangsamt oder beschleunigt, Laufrichtungen werden entgegen der Schwerkraft verändert, Maßstäbe werden verzerrt, vergrößert oder verkleinert, das Verhältnis von Aktion und Reaktion erscheint umgekehrt. So läuft z.B. ein Wassertropfen auf einer Glasoberfläche um ein Vielfaches vergrößert nach oben. Das sich auf ihm abbildende, dahinter, durch die extreme Vergrößerung kaum erkennbare Gesicht, schneidet in "Slow-Motion" auf der Form des Tropfen Grimassen. Während es der Wassertropfen ist, der sich ständig wandelt, sieht es jedoch so aus, als würde das Gesicht sich verändern. Man muß schon genau hinsehen, um zu erkennen, daß Wasser als Träger des gespiegelten Bildes dem gespiegelten Bild Atem, Wachstum und Leben verleiht.

Die Mittel sind sehr einfach, ihre Wirkung, der Zauber erscheint demgegenüber um so größer.

Der mögliche Rollentausch der Bestandteile einer künstlerischen Arbeit bzw. „Mehrfachbesetzungen“ steigern ihre Komplexität und entziehen sich so einer eindeutigen Analyse. Letztlich wird auch und vor allem der Betrachter, der sich über den eingeschlagenen Weg der Betrachtung bewußt wird, durch die Einzigartigkeit seiner Betrachtungsweise zum wichtigen Bestandteil der Kunstwerke. Es gibt im Diskursiven immer nur einen Weg, den man einschlagen kann; in Smigla-Bobinskis Kunst hingegen, findet man eine schwindelerregende Vielfalt vernetzter Interpretationswege.
Irgendwann möchte man als Betrachter vis à vis von Karina Smigla-Bobinskis Kunst nichts mehr klären, sondern sich der Faszination und Schönheit einer scheinbar künstlichen Erscheinungswelt aus Licht überlassen, die so ganz wirklich ist und lediglich durch die Eigenschaften einer Linse transformiert wiedergegeben worden ist. Die Kunstwerke Smigla-Bobinskis sind somit in den Lebensraum des Betrachters zurückübersetzte - reflektierte oder projizierte - Bilder.

Träume sind letztlich auch nichts anderes als eine Art der Wirklichkeit: Erscheinungen in einer Welt der Erscheinungen.




© Cornelia Kleÿboldt, M.A.


Munich, 01.07.2005